In Vino Veritas

Auszug aus dem Krimi „Im Zeichen der Zwillinge“

Kapitel In Vino Veritas

…Die Auberge l’Illwald lag vom Straßenverkehr abgeschirmt hinter einer hohen Mauer. Der große, idyllische Garten mit den schönen Blumenbeeten und Pflanztöpfen und dem alten Baumbestand gefiel ihnen auf Anhieb. Zwei gastfreundliche Hunde begrüßten die Ankömmlinge schwanzwedelnd.
»Nach fünf Katzen sind wir jetzt auf den Hund gekommen«, scherzte Jonas und tätschelte die Hunde. Das gediegene Anwesen war sehr geschmackvoll renoviert, modernstes Design in alten Gemäuern. Clara war vom Hotel und ihrem Zimmer begeistert.
»Da haben wir gut gewählt. Hier kann man sich richtig wohlfühlen. Lass uns erst auspacken, dann gehen wir zum Pool.«
La Piscine war sehr gepflegt und die beiden erfrischten sich im angenehm temperierten Wasser. Nach der langen Fahrt tat das Schwimmen gut.
»Das Wasser ist so schön klar. Wenn du da den Autoschlüssel versenkst, kannst du ihn leicht wieder rausfischen«, frotzelte Clara.
Nach dem ausgiebigen Schwimmen machten sie es sich auf den Liegen am Pool bequem und genossen die Ruhe und den schönen Blick ins Grüne…

…Beschwingt schlenderten sie Hand in Hand durch die hübschen, mit Blumen geschmückten Gassen von Colmar, bis sie in das malerische Viertel Petite Venise, Kleinvenedig gelangten. Dieser alte Stadtteil, auch Krutenau, Gärtnerviertel genannt, besteht seit dem 13. Jahrhundert.
Schön restaurierte Fachwerkhäuser reihen sich am Ufer des Flusses Lauch auf, der durch Colmar fließt. Die Häuser haben direkten Zugang zum Fluss, auf dem Passagierboote verkehren, fast wie in Venedig, nur gediegener, nicht so folkloristisch und touristisch.
Üppig bepflanzte Blumenkästen zieren Geländer und Brücken. Restaurants haben ihre Terrassen am Ufer gebaut. Farbenfrohe Sonnenschirme laden zum Verweilen ein. Ihr Weg zum Restaurant führte sie den Fluss entlang zur Rue de la Poissonnerie, der Straße der Fischhändler.
Ein 1750 erbautes Gebäude beherbergt direkt am Flussufer das elegante Restaurant Schillinger. Auf der Terrasse standen vornehm gedeckte Tische unter ausladenden weißen Sonnenschirmen. Jonas und Clara hatten Glück. Obwohl sie nicht reserviert hatten, wurden sie zu einem Tisch am Fluss geleitet.
Als Aperitif bestellten sie einen Cremant d’Alsace, sie erhoben die Gläser mit dem perlenden Inhalt, nahmen einen Schluck und schauten sich tief in die Augen. In diesem Moment waren sie einander sehr nah. Liebevoll betrachtete Clara ihren Mann, seine fein geschnittenen Gesichtszüge hatten ihr vom ersten Augenblick an gefallen. In ihrem langen gemeinsamen Leben gab es immer wieder solche Glücksmomente, in denen sie sich fühlten wie am ersten Tag. Jonas ergriff Claras Hand, die auf dem Tisch lag, streichelte sie zart mit seinen schlanken feingliedrigen Fingern, auch er spürte diesen besonderen Moment der Innigkeit.

Sie schlenderten über den Marktplatz zum Fontaine du Vin, dem Weinbrunnen. Vom Pfifferhüs, einem reich verzierten Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert gingen sie weiter zur Eglise, der Kirche, die eine der ältesten Orgeln des Elsass beherbergt. Zum Schluss spazierten sie noch zum Tour des Bouchers, dem Metzgerturm, der in grauer Vorzeit als Gefängnis und später als Schlachthaus gedient hatte. Clara schauderte:
»Ein grausiger Ort. Lass uns weiterfahren!«
Ihre nächste Station an der Route du Vin war Riquewihr, das als eines der „Schönsten Dörfer Frankreichs“ ausgezeichnet wurde. Wie immer, wenn ein Ort dieses Prädikat erhält, tummeln sich dort die Touristen scharenweise, was die eigentlich malerische Atmosphäre mit den alten Gassen und den schön restaurierten Fachwerkhäusern leider etwas beeinträchtigt. Jonas und Clara besichtigten einige der schönen Innenhöfe aus dem 13. bis 17. Jahrhundert.
Dann führte ihr Weg zum Oberen Tor, wo Schießscharten, Fallgatter und Pecherker die Grausamkeit des Mittelalters erahnen ließen. Dazu passte der Turm der Diebe mit Folterkammer.
»So schön und beschaulich, wie die mittelalterlichen Städtchen heute auf uns wirken, war das Leben damals ganz und gar nicht«, sinnierte Clara.

Weiter ging die Fahrt vorbei an Turckheim, einem hübschen kleinen Ort, wo sie vor einigen Jahren einmal übernachtet hatten.
»Erinnerst du dich an den Nachtwächter von Turckheim?«
»Na klar, die Tour mit dem Nachtwächter ist eine schöne Tradition. Damals haben wir ihn auf seinem nächtlichen Rundgang begleitet. Er hatte einen schwarzen weiten Umhang an und trug Laterne und Hellebarde mit sich. An jeder Straßenecke blieb er stehen und verkündete laut: ›Achtet mir auf Feuer und Licht!‹ Bei den aneinandergebauten Häuserzeilen war die Warnung vor Feuer auch überlebenswichtig.«
Ihre letzte Station war Eguisheim, noch eines der „Schönsten Dörfer Frankreichs“. Üppig mit Blumen geschmückte Häuserzeilen prägen den malerischen Ort. Wie auch in den anderen Orten thronten auf jedem Kirchturm und auf einigen Dächern imposante Storchennester, die jetzt im Spätsommer verlassen waren.
»Vor ein paar Jahren waren wir hier im Mai, da saßen die Störche in den Nestern«, erinnerte sich Jonas.

»Im Elsass brüten mehr als 400 Storchenpaare und jedes Paar braucht 200 Hektar Feuchtland in der Nähe des Nestes«, wusste Clara zu erzählen.
»Wenn es hier so viele Störche gibt, können sich die Elsässer über reichlich Nachwuchs freuen«, fügte Jonas spitzbübisch hinzu.
Zurück in der Auberge l’Illwald wurde das kulinarische Abendessen im Garten serviert. Natürlich spazierten die Hunde wieder zwischen den Tischen hin und her und ergatterten sich geduldig und mit treuem Blick so manchen Leckerbissen. Clara und Jonas blieben an diesem lauen Spätsommerabend lange draußen sitzen und genossen den guten Elsässer Wein…

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