Leseprobe 2

Krimi „Im Zeichen der Zwillinge“

Im Kapitel 2 „Leben wie Gott in Frankreich“ versuchen die Protagonisten Jonas und Clara während ihres wunderschönen Urlaubs in der geliebten Provence Licht in das Dunkel des plötzlichen Verschwindens ihres Freundes Joe Moser zu bringen. Doch dabei werden sie immer tiefer in diesen mysteriösen Fall hineingezogen …

Leseprobe 2

Einige Tage später: Das Telefon läutete.
»Marie aus Maussanne hat angerufen, ob wir im Sommer wieder in die Provence fahren. Sie und Lucien würden gern der Augusthitze entfliehen und am kühleren Atlantik Urlaub machen. Ob wir denn ihre Katzen versorgen könnten«, berichtete Jonas.
»Ja gern, wir wollten doch schon lang wieder in unser französisches Domizil. Ich freu mich schon so auf die Provence, die Katzen und das fantastische Essen«, frohlockte Clara.
»Clara, weißt du was, das bringt mich auf eine Idee!«
»Sag schon.«
»Wir sind dann doch ganz in der Nähe von Joes Haus in St. Remy. Lass uns dort mal nachsehen. Sollte Joe wirklich noch am Leben sein, kriegen wir da vielleicht was raus.«
Die Stimmung der beiden besserte sich schlagartig. Die Hoffnung etwas Neues herauszufinden und die mit der Reise verbundenen Vorbereitungen ließen sie ihren Kummer ein wenig vergessen.

Der Touring stand vollgepackt in der Einfahrt. Für ihre provençalischen Nachbarn hatten sie Spezialitäten aus Bayern eingepackt: einen Kasten Weißbier, im Autokühlschrank Weißwürst, eingefrorene Brezen und den Weißwurstsenf vom Händlmaier für das gemeinsame Essen am Tag nach der Ankunft. Wie immer waren auch zwei Campingstühle und ein kleiner Sonnenschirm für den Badeausflug ans Meer mit an Bord.
Sie starteten schon ganz früh am Morgen, lag doch eine Fahrstrecke von 1000 km vor ihnen. Die Fahrt bis Bregenz verlief reibungslos, der Verkehr durch die Schweiz rollte zügig dahin, bei Lyon gab es den üblichen Stau. Je weiter es nach Süden ging, umso voller wurde die Autoroute du Soleil. Stoßstange an Stoßstange zog die Karawane der Sonne entgegen.
Nach Montélimar gab es für längere Zeit nur noch Stop and Go, wie sich später herausstellte, war ein Auffahrunfall die Ursache. Danach kamen sie wieder besser voran, bis sich bei Orange der Himmel verfinsterte. Ein Gewitterregen prasselte übers Land, die Scheibenwischer wurden den Wassermassen nicht mehr Herr, Sicht gleich Null, jetzt ging nur noch Schritttempo. Nach schier endloser Fahrt ließ der Regenguss nach, die Ausfahrt von Avignon war bald erreicht.
Sie waren froh, die Autobahn endlich verlassen zu können. Schon war die blaue Brücke zu sehen, die für die beiden das Tor zur Provence bedeutete. Von hier führte die Landstraße Richtung St. Andiol, bis Maussanne-les-Alpilles war es nicht mehr weit. Das Gewitter war vorbei, die Wolken verzogen sich, die Straße dampfte und die Abendsonne strahlte provençalisch schön.
Bald waren sie am Ziel. Schon kam die Abzweigung zum kleinen alten Häuschen am Ortsrand. Vor ihnen tauchte ein verwunschenes, etwas verwildertes Gärtchen auf. Rund ums Haus wuchsen rot, rosa und weiß blühende Oleanderbüsche. Ein knorriger Olivenbaum überschattete den Sitzplatz neben dem Eingang. Endlich angekommen! Erschöpft, aber glücklich stiegen sie aus dem Auto. Die leuchtend blau gestrichene Haustür hieß die Ankömmlinge willkommen.
Sie freuten sich auf das in die Jahre gekommene Häuschen, das ihnen die ebenfalls in die Jahre gekommene Tante Berta überlassen hatte. Die Tante schaffte die weite Fahrt nicht mehr und war froh, dass sich jemand um ihr Häuschen kümmerte. Die Tür knarzte, drinnen roch es muffig. Sofort wurden Fenster und Fensterläden geöffnet, die warme, nach dem Gewitter würzig frische Luft strömte ins Haus. Dann nahmen sie den Kühlschrank in Betrieb, zum Glück funktionierte er noch, und räumten die von zu Hause mitgebrachten Flaschen und Lebensmittel ein. Sie luden die Koffer aus, stellten sie ins Schlafzimmer, wo erst noch das Bett frisch bezogen werden musste.
An der offen stehenden Haustür klopfte es, die Nachbarn hatten ihre Ankunft bemerkt. Man begrüßte sich herzlich, Küsschen hier, Küsschen da, wie es in der Provence Brauch ist.
»Schön, dass ihr wieder hier seid. Ca va? Wie geht’s? Wie war die Fahrt? Kommt doch zu uns rüber, lasst uns mit einem Brut Rosé von Les Baux anstoßen!«
Sie nahmen die Kühltasche mit den bayrischen Spezialitäten mit zum Mas, dem stattlichen Landhaus von Marie und Lucien Legard.

Die Einfahrt zum Nachbaranwesen war gesäumt von hohen Zypressen, umgeben von drei Hektar Olivenhain. Vor dem Eingang spendete eine ausladende Platane Schatten, rings ums Haus standen Terracottatöpfe, bepflanzt mit farbenprächtig blühenden mediterranen Pflanzen. Rosen rankten am Haus, die zusammen mit Lavendel, Rosmarin und Thymian einen betörenden Duft verströmten.
Gern ließen sich Clara und Jonas bei ihren Nachbarn auf dem einladenden Sitzplatz unter der Platane nieder. Laut zirpten die Zikaden ihr provençalisches Lied. Die Sektgläser wurden mit erfrischend prickelndem Rosé Methode Traditionelle gefüllt, einem champagnerartigen Schaumwein wie Crémant, dazu gab es Apéro-Oliven in verschiedenen Geschmacksrichtungen, aromatisiert mit Fenchelsamen, Knoblauch, Chili, Herbes de Provence, dazu Fougasse, ein köstliches provençalisches Gebäck.

Man tauschte sich aus, wollte dies und das wissen, alle redeten durcheinander. Clara und Jonas waren noch nicht ganz in der französischen Sprache angekommen. Das Verstehen ging einigermaßen, doch das Sprechen bereitete noch Schwierigkeiten, es klang holprig, oft stockend und strotzte vor eigentlich doch vermeidbaren Fehlern.
Trotzdem verstanden sich die Paare prächtig und es wurde viel gelacht. In der Abenddämmerung gesellte sich die erste Katze zur fröhlichen Runde. Es war Coco, ein braunes, zierliches, besonders schmusiges Kätzchen. Sofort erkannte sie die Nachbarn wieder, schmiegte sich an ihre Beine und schwups! sprang sie Jonas auf den Schoß.
Clara und Jonas wurden allmählich müde und verabschiedeten sich von den Nachbarn. Noch schnell die Koffer ausgepackt, hundemüde nach der langen Fahrt gingen sie zu Bett, kuschelten sich aneinander und waren bald eingeschlafen.

                                                                        * * *

Die Morgensonne erleuchtete das kleine Schlafzimmer, Clara blinzelte kurz und schlief wieder ein. Jetzt traf ein Sonnenstrahl Jonas‘ Gesicht, er wachte auf, wurde munter und beschloss aufzustehen. Nachdem er sich fertig gemacht hatte, holte er das alte rostige Damenfahrrad aus dem Schuppen und kaufte beim Bäcker ein. Frisch duftende Croissants und ein knuspriges Baguette durften beim Frühstück nicht fehlen. Auch zwei Tartelettes, kleine runde Obsttörtchen, die Clara so gern mochte, brachte er mit.
Inzwischen war seine Frau schon auf, der Kaffee fertig und der Tisch vor dem Haus mit Tante Bertas Blümchengeschirr gedeckt. Kaum saßen sie beim Frühstück, bekamen sie Besuch. Ein rothaariges Kerlchen mit zottigem Fell tauchte auf. Es war Idefix, der Starkater der Nachbarn, den das Paar ganz besonders ins Herz geschlossen hatte. Wenn er erschrak, konnte der kleine Kerl einen Meter senkrecht in die Höhe hüpfen. Außerdem war er blitzschnell und blitzgescheit.
Der erste Urlaubstag ließ sich so richtig gut an. Das Thermometer war schon auf 31 Grad geklettert, der Gesang der Zikaden wurde lauter. Gegen Mittag traf man sich bei den Nachbarn zum Weißwurstessen mit gut gekühltem Weißbier im Schatten der Platane. Der bayrische Imbiss mundete allen, es gab viel zu erzählen, hatten sich die Freunde doch mehr als ein Jahr nicht mehr gesehen. Man erkundigte sich nach den Kindern, berichtete vom Studienabschluss und erfolgreichem Einstieg ins Berufsleben, auch eine Hochzeit war zu vermelden. Schließlich erzählte Jonas mit trauriger Stimme vom Verschwinden seines besten Freundes.
»Stellt euch vor, auch Joes Kater, mit dem er immer spazieren ging, ist spurlos verschwunden«, fügte Clara hinzu.
Entsetzt murmelten Marie und Lucien immer wieder:
»C’est bizarre.«
Man äußerte die Hoffnung, dass Joe samt Kater wieder auftauchen würde. Die anfangs so heitere Stimmung kippte, alle vier saßen nun still da und schauten nachdenklich drein.
Coco, das kleine Schmusekätzchen, streifte vorbei, wurde von allen gestreichelt, zog unternehmungslustig weiter und verschwand im Olivenhain. Clara und Jonas vermissten die anderen Katzen, die sich noch nicht hatten blicken lassen. Ob alle wohlauf seien, wollten sie wissen, waren ihnen doch alle Miezen der Nachbarn ans Herz gewachsen.
»Wie geht es denn Mimí, eurer Prachtkatze?«, fragte Clara.
Mimífanou, genannt Mimí, war die Mutter von Benni. Die zwei grauen Tiger waren unzertrennlich.
»Mimí hatte im Winter einen bösen Unfall«, erzählte Marie. »Eines Nachts kam sie nicht wie gewöhnlich nach Hause. Am Morgen war sie immer noch nicht da. Wir haben uns große Sorgen gemacht, auch Benni war nervös. Mit ihm sind wir durchs Gelände gezogen, haben gesucht und gerufen. Benni ist immer wieder losgelaufen, unter Büschen verschwunden und maunzend, mit hängendem Schwanz zurückgekommen. Traurig gaben wir die Suche auf. Am Nachmittag schleppte sich Mimí schwer verletzt ins Haus. Die Schnauze war zertrümmert, sie blutete aus dem Maul, total erschöpft ließ sie sich auf ihrem Lieblingsplatz im Körbchen neben dem Sofa nieder. Wir sind sofort mit ihr zum Tierarzt. Der meinte, das sei knapp gewesen, aber mit Antibiotikum und liebevoller Pflege würde sie es wohl schaffen. Gott sei Dank, er hatte recht. Was ihr widerfahren war, wissen wir nicht, sie konnte es ja nicht erzählen. Nach einer Weile erholte sie sich, das Schnäuzchen ist seither zwar etwas deformiert, aber unsere Mimí ist wieder ganz die Alte.«
»So ein Glück«, meinte Jonas. »Auf das Doppelpack Mimí und Benni freuen wir uns schon.«
»Schön, dass ihr unsere Miezen wieder betreuen wollt, sie mögen euch wirklich gern«, erwiderte Marie, »aber wir müssen euch etwas gestehen. Jetzt sind es fünf! Im Frühjahr ist noch ein grau-brauner Tiger aufgetaucht. Ein lieber stattlicher Kater, wir haben ihn Sam getauft, weil wir ihn an einem Samstag kennengelernt haben. Er ist unkompliziert und friedlich und verträgt sich gut mit den anderen Vieren.«
»Na, da sind wir aber gespannt auf die Nummer 5. Sam will wohl erst mal bei euch im Mas gefüttert werden, bis er uns besser kennt und sich in unser Häuschen rüber traut.«
»Ihr macht das schon richtig«, war sich Marie sicher, »wir wissen, dass ihr mit Katzen gut umgehen könnt. Da sind wir ganz beruhigt.«

Nun erläuterten die Franzosen ihre Reisepläne an den Atlantik. Nach der drückenden Hitze hier freuten sie sich auf eine kühle Brise und erfrischende Nächte.
»Wie lange bleibt ihr denn am Atlantik?«, erkundigte sich Clara.
»In zwei Wochen kommen wir wieder zurück.«
»Gibt es sonst noch was für uns zu beachten, außer Miezen betreuen und Pflanzen gießen?«
»An der Garagenwand haben wir einen Zitronenbaum gepflanzt. Der braucht alle drei Tage eine große Gießkanne voll Wasser. Und Obst könnt ihr ernten, Nektarinen und Pfirsiche sind schon reif, die Feigen brauchen noch ein bis zwei Wochen«, erklärte Lucien. »Die Marokkaner kommen nächsten Samstag, um die Olivenbäume zu wässern. Wäre nett, wenn ihr ihnen ein paar Wasserflaschen aus dem Kühlschrank hinstellt. Die armen Kerle schuften den ganzen Tag in der Hitze.«
»Na, dann wäre ja alles geklärt. Wir lassen euch jetzt allein, damit ihr packen könnt.«
Nach der Schlüsselübergabe umarmten sich die Freunde, verabschiedeten sich herzlich mit Küsschen und wünschten gute Fahrt und einen schönen Urlaub.
Jonas und Clara zogen sich in ihr Gärtchen zurück. Am Sitzplatz vor dem Haus ließen sie sich im Schatten des knorrigen Olivenbaums nieder, freuten sich über die üppig blühenden Oleanderbüsche, den Duft von Lavendel und Thymian, den laut anschwellenden Gesang der Zikaden. Gemeinsam schmiedeten sie Pläne für die nächsten Tage.

Da platzte der Klingelton von Jonas‘ Handy in die nachmittägliche Ruhe des ersten Urlaubstages.
»Jonas Winter … ja hallo Herr Dr. Bader … ja, Sonne pur, über 30 Grad … nein, sprechen Sie mit Frau Lechner, sie hat alle schon fertigen Kapitel für die Technologiebroschüre … ja, etwa Ende September könnte ich den vollständigen Entwurf im Vorstand präsentieren …«
Clara wandte sich ab und ging nach draußen. Sie wusste, dass derartige dienstliche Gespräche mit Jonas‘ Chef meist länger dauerten und in der Regel schlechte Laune bei ihrem Mann hervorriefen, zumal er im Urlaub seine Ruhe haben wollte. Ein paar Minuten später kam Jonas in den Garten und schaute in der Tat etwas griesgrämig drein.
»Kann die Firma ITaNS nicht mal eine Woche auf dich verzichten!? Was ist los?«, entrüstete sich Clara.
»Gut, diesmal verstehe ich seinen Anruf, das mit der Technologiebroschüre war nur ein Vorwand. Der eigentliche Grund hängt mit Joes Verschwinden zusammen.«
»Wieso, das ist doch schon fast zehn Jahre her, als Joe noch für ITaNS gearbeitet hat.«
»Die Kripo war bei Bader und wollte alles mögliche über Joes frühere Tätigkeit wissen. Die stochern jetzt in seiner Zeit in Florida rum, als Patricia 2003 bei einem Autounfall ums Leben kam. Bader fragte, was ich von dieser ominösen Erfindung wüsste, die Joe und seine Mitarbeiter in Arbeit hatten, die aber dann nie zum Patent angemeldet wurde, weil die Unterlagen verschwunden sind.«
»Und weißt du davon, hast du dem Bader was gesagt?«
»Klar weiß ich das, es war furchtbar und ziemlich verzwickt. Als ich 2004 auf einem meiner Business Trips Joe in Miami besucht habe, hat er mir alles über diese Erfindung und die katastrophalen Folgen erzählt.«
»Ja, ich erinnere mich, Joe hat wegen Patricias Tod die Firma verlassen. Aber von einer folgenschweren Erfindung hast du mir damals nichts erzählt. Wieso denn die Geheimniskrämerei? Warum weiß ich davon nichts? Seit Tagen sorgen wir uns um Joe und grübeln über sein Verschwinden und du legst die Karten nicht offen auf den Tisch. Wo bleibt da das Vertrauen? Mich lässt du im Unklaren, aber der Bader bekommt Informationen, die du mir verschweigst!«, regte sich Clara auf.
»Dem Bader habe ich nichts erzählt, was er nicht schon wusste«, sagte Jonas trotzig. »Und die Details dieser Erfindung sowie ihre Auswirkungen sind überhaupt nur Security-Spezialisten zu erklären. Dazu zählst du ja wohl nicht Clara, oder?«
»Der technische Kram interessiert mich herzlich wenig. Aber offensichtlich hat Joe dir etwas anvertraut, was mit dem Unfall zu tun hat. Vermutlich hatte er irgendeinen Verdacht und ist dann selber in Gefahr geraten. Pass nur auf, dass du da nicht auch noch reingezogen wirst! Einsame Wölfe leben gefährlich!«

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